Pfarrkirche Bayerisch Eisenstein
Geschichte der Pfarrei
Die kirchliche Geschichte Bayerisch Eisensteins beginnt nicht im heutigen Ortszentrum, sondern jenseits der heutigen Grenze. Über Jahrhunderte war der Eisensteiner Raum kirchlich auf Böhmisch Eisenstein, das heutige Železná Ruda, ausgerichtet. Dort entstand 1694 eine hölzerne Kirche, die 1732 durch einen steinernen Bau ersetzt wurde. Sie war lange Zeit die Mutterkirche für das gesamte Eisensteiner Tal und gehörte kirchlich zum Bistum Regensburg. Die seelsorgliche Betreuung übernahmen Zisterzienserpatres aus dem Kloster Gotteszell.
Die politische Grenze und die kirchliche Ordnung deckten sich dabei lange nicht. Zwar wurde die Hofmark Eisenstein im Jahr 1764 zwischen Bayern und Böhmen geteilt, doch geistlich blieb der Raum zunächst weiterhin verbunden. Erst die kirchliche Neuordnung von 1809 brachte eine tiefgreifende Veränderung: Böhmisch Eisenstein wurde von der Diözese Regensburg abgetrennt und dem Bistum Budweis zugeordnet. Der bayerische Teil kam zur Pfarrei Lam und wurde als Expositur geführt. Damit zerbrach die bis dahin gewachsene kirchliche Einheit des Eisensteiner Tals.
Auf bayerischer Seite entstand bereits 1788 am sogenannten Bayerisch Häusl ein erster eigener kirchlicher Bezugspunkt. Franz Ignaz von Hafenbrädl, der seit 1771 im Besitz der Hofmark war, ließ dort neben Herrenhaus, Bräuhaus und Arbeiterhäusern eine Schlosskapelle „Zur lieben Frau“ errichten. Von dieser frühen Kapelle ist heute nur noch die gemauerte Apsis erhalten. Sie erinnert daran, dass die kirchliche Entwicklung auf bayerischer Seite zunächst provisorisch begann.
Zwischen 1842 und 1844 entstand am Bayerisch Häusl eine eigene Expositurkirche. Sie war der unmittelbare Vorgängerbau der heutigen Pfarrkirche. Für die damaligen Verhältnisse erfüllte sie ihren Zweck, doch ihre Lage wurde bald zum Problem. Mit der Eröffnung der Bahnlinie und des Grenzbahnhofs im Jahr 1877 verlagerte sich das Leben des Ortes zunehmend ins Tal. Die Expositurkirche lag nun abseits des neuen Zentrums und wurde für die wachsende Gemeinde zu klein. So entstand der Wunsch nach einer neuen, größeren Kirche am heutigen Standort.
Der Entschluss zum Neubau der Pfarrkirche
Eine entscheidende Rolle spielte Expositus Josef Siebler, der 1901 nach Bayerisch Eisenstein kam. Schon bald nahm er den Wunsch nach einem Kirchenneubau auf und gründete 1902 einen Kirchenbauverein. Der Neubau war nicht nur eine bauliche Maßnahme, sondern auch ein Schritt hin zu einem neuen kirchlichen Mittelpunkt im Tal und zur späteren pfarrlichen Eigenständigkeit.
Die Finanzierung wurde durch verschiedene Beiträge möglich: durch eine Landeskollekte, Kirchenbaulotterien und großzügige Zuwendungen des Hauses Hohenzollern. Das Fürstenhaus Hohenzollern war seit 1872 im Besitz der Hofmark und eng mit Bayerisch Eisenstein verbunden. Fürst Leopold von Hohenzollern trat als bedeutender Förderer des Neubaus hervor.
Nach längeren Standortfragen begann am 28. April 1908 der Bau der heutigen Pfarrkirche. Den Entwurf lieferte der Münchner Architekt Hans Schurr. Bereits 1909 war die Kirche fertiggestellt; am 14. November 1909 wurde sie benediziert. Im selben Jahr wurde Bayerisch Eisenstein zur selbständigen Pfarrei erhoben. Die feierliche Weihe der Kirche durch den Regensburger Bischof erfolgte erst am 19. Oktober 1919.
Die Pfarrkirche
Die Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk ist ein neobarocker Kirchenbau von ungewöhnlicher Großzügigkeit. Mit einer Länge von rund 43 Metern, einer Breite von 19,5 Metern und einer Höhe von 23 Metern prägt sie bis heute das Ortsbild. Der Turm erreicht etwa 45 Meter. Langhaus, Querhaus und eingezogener Chor orientieren sich an barocken Vorbildern, ohne diese einfach nachzuahmen. Der Kirchenraum ist klar gegliedert und auf die Liturgie hin ausgerichtet.
An der Nordwand erinnert eine große Inschrift an Fürst Leopold von Hohenzollern. Sie weist die Kirche als Gedächtniskirche aus und verweist auf jene Verbindung von Patronat, Finanzierung und regionaler Geschichte, aus der dieser Bau hervorgegangen ist. Die Inschrift lautet:
Gedächtnis-Kirche
für weiland seine königliche
Hoheit den
allerdurchlauchtigsten Fürsten
Leopold von Hohenzollern
den größten Wohltäter der
Armen
und der Waffenbrüderschaft
Österreich’s
Deutschland’s
erbaut 1908 – 1909
Die Kirche ist dem heiligen Johannes Nepomuk geweiht. Der aus Böhmen stammende Märtyrer wird besonders als Brückenheiliger verehrt. Gerade in Bayerisch Eisenstein, an der Grenze zwischen Bayern und Böhmen, erhält dieses Patrozinium eine besondere Bedeutung: Johannes Nepomuk erinnert an die gemeinsame Geschichte des Grenzraums und an die verbindende Kraft des Glaubens.
Architektur und Innenraum
Der Innenraum ist hell, weit und übersichtlich. Pilaster mit reichen Kapitellen gliedern die Wände; über der Vierung erhebt sich eine Kuppel, in den Seitenteilen schließen Tonnengewölbe den Raum. Die Architektur wirkt nicht überladen, sondern schafft einen geordneten Rahmen für Liturgie und Ausstattung. Die Kirche ist großzügig angelegt, bleibt aber in ihrer Wirkung klar und gesammelt.
Diese Klarheit ist eine der besonderen Qualitäten des Raumes. Die Architektur dominiert die Ausstattung nicht, sondern trägt sie. So verbindet die Pfarrkirche die Formen des Neubarock mit der liturgischen Ordnung eines Kirchenraums des frühen 20. Jahrhunderts. Sie ist damit nicht nur ein Zeugnis ihrer Bauzeit, sondern auch ein Raum, in dem ältere Kunstwerke und neuere Ausstattung bewusst zusammengeführt wurden.
Ausstattung
Der Hochaltar, die Kanzel und der rechte Seitenaltar stammen vom Münchner Bildhauer Bruno Diamant und gehören zur Erstausstattung des Kirchenneubaus. Der Hochaltar wurde 1910 geschaffen. Flankiert wird er von den Figuren des heiligen Leopold und des heiligen Wilhelm; die Figur des heiligen Leopold trägt die Gesichtszüge des Fürsten Leopold von Hohenzollern. Am Sockel stehen zwei Rokokofiguren der Kirchenväter Augustinus und Papst Gregor der Große aus der Zeit um 1750.
Über dem Hochaltar befindet sich das Gemälde der Vierzehn Nothelfer. Es wurde 1690 von Johann Rotter geschaffen und stammt aus der früheren Kirche am Bayerisch Häusl. 1968 wurde es in den Hochaltar der heutigen Pfarrkirche eingefügt; der ornamentale Rahmen stammt von Jakob Helmer aus Regensburg. So verbindet der Hochaltar die Erstausstattung des Neubaus mit einem älteren Bildzeugnis der Eisensteiner Kirchengeschichte.
Der linke Seitenaltar ist eine barocke Arbeit aus der Zeit um 1680 und war ursprünglich der Hauptaltar der früheren Expositurkirche am Bayerisch Häusl. Das frühere Nepomuk-Bild wurde 1946 durch eine Marienfigur ersetzt, die aus Böhmen stammt beziehungsweise dem böhmischen Raum zugeordnet wird. Gerade dieses Detail erinnert leise, aber eindrücklich an die grenzüberschreitende Geschichte des Ortes.
Zur weiteren Ausstattung gehören die Kreuzigungsgruppe von Jakob Grau aus der Zeit um 1911, ein Kreuzweg unbekannter Herkunft, mehrere Heiligenfiguren des 18. und frühen 19. Jahrhunderts sowie ein Taufbecken mit einer Darstellung der Taufe Christi aus der Zeit um 1750. Die Glasfenster markieren weitere Zeitschichten: 1926 entstand das Fenster der Schmerzensmutter in der Münchner Werkstatt Zettler, 1961 folgte das Johannes-Nepomuk-Fenster nach einem Entwurf des Architekten Rothemund, ausgeführt von E. Schwankl.
Auch spätere Ergänzungen prägen den Kirchenraum. Dazu zählen der Kristallleuchter von 1972 sowie Volksaltar und Ambo aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie zeigen, dass die Kirche nicht nur ein historisches Denkmal ist, sondern ein lebendiger Gottesdienstraum, der über die Jahrzehnte hinweg weitergestaltet wurde.
Grenzerfahrung und Erinnerung
Die Geschichte der Pfarrkirche ist auch von den Brüchen des 20. Jahrhunderts geprägt. Glocken mussten in Kriegszeiten abgegeben werden; eine Glocke kam 1947 aus Hamburg zurück. Die Zeit des Nationalsozialismus brachte Repressionen im Gemeindeleben mit sich. Nach dem Zweiten Weltkrieg prägten Flucht und Vertreibung auch die Pfarrei Bayerisch Eisenstein.
Ein besonderes Zeichen der Versöhnung setzte der 3. Februar 1990: Damals verband eine deutsch-tschechische Menschenkette die Kirchen von Bayerisch Eisenstein und Železná Ruda. Begleitet wurde dieses Zeichen von einem gemeinsamen Gottesdienst. In diesem Moment wurde sichtbar, was die Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk bis heute auszeichnet: Sie steht in einem Raum, dessen Geschichte sich nicht einfach durch politische Grenzen trennen lässt.
Bedeutung
Die Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk ist kein spektakulärer Bau im Sinn architektonischer Neuerfindung. Ihre Bedeutung liegt tiefer. Sie verbindet einen neobarocken Kirchenbau des frühen 20. Jahrhunderts mit Ausstattungsstücken, die aus älteren Kirchenräumen und Frömmigkeitstraditionen stammen. Dadurch wird in ihr die lange kirchliche Geschichte des Eisensteiner Tals sichtbar.
Als Kirche im bayerisch-böhmischen Grenzraum erzählt sie von Kontinuität und Veränderung, von politischer Trennung und geistlicher Verbundenheit, von regionaler Frömmigkeit und historischen Brüchen. Bis heute ist sie ein Ort des Gebets, der Stille und der Begegnung mit Gott.